Aktion "Rollstühle für Sarajevo"

Erfahrungsbericht von Nicole Babitsch

        

Wie es dazu kam: Auf einer Reise nach Sarajevo im Mai 2008 lernte ich Dr. Ajsa Mehiljic, Rehabilitationsärztin der dortigen Kinderklinik, kennen. Wir unterhielten uns über die nahezu nicht vorhandene Hilfsmittelversorgung in Bosnien. Ajsa erzählte, dass fast alle Kinder mit Körperbehinderungen mit Korsetts versorgt werden, damit sie irgendwie am Leben teilhaben können und keine Sekundarschäden entwickeln. Ansonsten liegen sie auf dem Bett oder werden von den Eltern gehalten und getragen. Ich erklärte, dass es andere Wege gäbe, körperbehinderte Kinder zu versorgen und versprach, mich für die bosnischen Kinder einzusetzen. In diesem Moment begann die Aktion 'Rollstühle für Sarajevo' als kleiner Funke in meinem Kopf und Herzen, der dann im Laufe der Zeit zu einem richtigen Feuerwerk entflammte.

Und das ist seitdem passiert: In den Jahren 2009, 2010 und 2011 reisten wir, d.h. ich, Nicole Babitsch und mein Freund und Kollege Thomas Mages, für je eine Woche nach Sarajevo, um dort die zuvor hingeschickten, in Deutschland gesammelten Rollstühle, Sitzschalen, Stehgeräte, Rehabuggies, Therapiestühle und Gehhilfen an bosnische Kinder anzupassen. Im ersten Jahr kamen 17, 2010 waren es 24 und 2011 über 30 Kinder mit teils schwersten Behinderungen, um unsere Hilfe und die deutschen Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen.

Finanziell getragen wird das Projekt hauptsächlich von Spenden des Gymnasium Grotenbach in Gummersbach und einzelnen privaten Spendern. Zudem helfen die Firma Rüggeberg in Marienheide und verschiedene Speditionen großzügig mit kostenfreier Verpackung und Versand der bis zu 10 Kisten voll mit gebrauchten Kinder-Reha-Hilfsmitteln.

Was zunächst langsam anlief und von den Bosniern kritisch beäugt wurde, ist nun ein handfestes und erfolgreiches Hilfsprojekt geworden. Nicht nur die Zahl der Kinder sondern auch die Freundschaft mit den bosnischen Kollegen und unsere Liebe zur Stadt Sarajevo ist in den letzten Jahren sehr gewachsen.

Die Ärzte und Therapeuten der 'Pedijatrija Klinika', der Kinderklinik des Universitäts- krankenhauses in Sarajevo, wählen über das Jahr die besonders bedürftigen Kinder aus und machen Termine um von 'den Deutschen' versorgt zu werden. Die Zusammenarbeit mit den bosnischen Ärzten und Therapeuten ist mittlerweile sehr gut. Das kommt nicht zuletzt auch daher, dass die Therapeuten aus Bosnien schon mehrfach vom Projekt nach Deutschland eingeladen wurden. Sie haben hier die Gelegenheit gehabt, in unterschiedlichen Bereichen der Kinder-Reha Erfahrungen zu sammeln. Das garantiert eine differenzierte, professionelle Kommunikation sowie auch die Fähigkeit, selbständig Hilfsmittel einzustellen und zu reparieren.

Hintergrundwissen: In ganz Bosnien gibt es keine Kinder-Rehatechnik. Das bedeutet, dass selbst wohlhabendere Familien Rollstühle für ihre Kinder im Ausland (oft Deutschland) bestellen müssen. Da jedoch eine Hilfsmittelversorgung meist ebenso individuell ist wie beispielsweise die Versorgung mit einer Zahnspange, ist es nahezu unmöglich, ein Hilfsmittel ohne professionelle Beratung und Anpassung für ein behinderten Kind einzusetzen. So gibt es zahlreiche Familien, die sich Geld leihen, um ein teures Hilfsmittel zu erstehen, das dann aber dem Kind nicht passt und die erhoffte Erleichterung nicht gewährleistet. Auch diese Eltern kommen in die Klinik und bitten 'die Deutschen' um Hilfe.

Im Mai 2012 und 2013 sind wir dann als 5-köpfiges Team nach Sarajevo geflogen, um die ansteigende Zahl der hilfesuchenden Familien mit schwerbehinderten Kindern bewältigen zu können. Unsere Gruppe, bestehend aus mir sowie den 4 Reha-Technikern Thomas Mages, Sveja Holzapfel, Erni Schuchmann und Holger Kirchhoff,  hat in zwei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils knapp 40 Kinder mit Hilfsmitteln versorgt. Und es war keinesfalls eine Massenabfertigung sondern perfekte Anpassungen bis hin zu Weichschaumabdrücken inklusive Beziehen und Nähen. Zur Belohnung durften wir in die glücklichen Gesichter der Kinder und Eltern sehen. Unsere Begegnungen sind meist nicht nur 'hochprofessionell' sondern auch 'hochemotional' und die Dankbarkeit der Eltern drückt sich oft in tränenreichen Umarmungen und überglücklichen Worten aus.

Im Mai 2014 sind wir in neuer Zusammensetzung als 4 er-Team nach Sarajevo gereist. Diesmal hatten wir mehr als 1500 Kilogramm deutsche Hilfsmittel vorgeschickt. An den 5 Tagen waren 54 Kinder einbestellt worden und wir konnten fast alle mit ein bis zwei Hilfsmitteln versorgen! Thomas Mages und ich haben viele Kinder und ihre Familien wiedergetroffen, die wir schon seit bis zu 6 Jahren kennen.  Da gibt es Gefühle von Wiedersehensfreude und Vertrautheit, natürlich auch mit den Therapeuten und Ärzten der pediatrischen Klinik. Da diesmal Freund und Kollege Fadil Nezovic dabei war, hatten wir den perfekten Übersetzer im Team und die Kommunikation gestaltete sich viel einfacher. Auch unser neues Teammitglied Dirk von Bültzingslöwen hat sich ganz im Sinne unseres Mottos: "geht nicht gibt's nicht" mit all seinen Ideen und Fähigkeiten voll eingebracht. Insgesamt war es wieder eine sehr schöne, erfolgreiche und emotional bewegte Woche. 

2015: in diesem Jahr flog unser Team bestehend aus Nicole Babitsch, Thomas Mages, Dirk von Bültzingslöwen und erstmalig Matthias Drescher, nach Sarajevo. Zuvor wurden sagenhafte 1.700 Kilogramm gebrauchte Kinder-Hilfsmittel in unserem neuen, riesigen Lager im Keller des Lindengymnasiums Gummersbach, gesammelt. Im April wurde alles in der großzügigen und großartigen Firma August Rüggeberg, Marienheide, in 14 riesige Kartons verpackt und mit einer Spedition nach Bosnien verschickt. Während des 5-tägigen Aufenthalts wurden diesmal 61 Kinder versorgt, von denen einige auch mehrere Hilfsmittel bekommen konnten um den Alltag zu erleichtern und Sekundarschäden vorzubeugen. Mittlerweile hat sich eine positive Routine eingespielt: wenn ein Kind zu groß für sein Hilfsmittel geworden ist, bringen die Eltern dies mit. Ein größeres Teil wird dann für das Kind angepasst und später kann das zurückgegebene Stück an ein kleineres Kind weitergegeben werden. Dabei ist und bleibt ungewiss, ob wirklich für jedes einbestellte Kind ein passendes Teil dabei ist. Oft ist es eine große Herausforderung, aus den mitgebrachten Sachen das richtige auszuwählen und es passend zu machen. Es wird gebohrt und gesägt, verkleinert und vergrößert, geschäumt und genäht, bis es passt! Jeder gibt alles und das spiegelt sich in der guten Qualität der Versorgungen wieder. Erstmalig wurden in diesem Jahr auch Fuß-und Rumpforthesen sowie Einlagen und Schuhe abgegeben. Dafür war eigens Matthias Drescher mitgekommen, der viel Erfahrung mit Nancy Hilton Versorgungen hat und auch jede Menge AFOs und SPIO Produkte dabei hatte. Es war wieder eine sehr anstrengende Woche, gefüllt mit vielen Glücksmomenten. Ein besonderes Highlight war in diesem Jahr der Sarajevo-Besuch von Papst Franziskus am Abreisetag. Es entstand sogar ein 'Selfi' mit Papst im Hintergrund...

Neues aus SARAJEVO 2016: 8. Reise in die bosnische Hauptstadt zur Hilfsmittelversorgung behinderter Kinder. Diesmal erstmals nicht in der Universitätsklinik sondern im Service Center ' Give us a chance'.  In diesem Jahr flog Ende Mai wieder ein vierköpfiges Team, bestehend aus Nicole Babitsch, Dirk von Bültzingslöwen, Avdo Kulalic und Matthias Drescher, nach Sarajevo. In diesem Jahr gab es im Vorfeld viele Hindernisse. Aufgrund eines Führungswechsels in der Direktion der Uniklinik von Sarajevo kann das Projekt dort unerklärlicherweise nicht weiter durchgeführt werden. Somit wurden diesmal wesentlich weniger Hilfsmittel verschickt, da unklar war, wie und ob sich das Projekt weiterentwickeln würde. Doch alles wendete sich zum Guten: die bosnische Physiotherapeutin Sabina Sahacic nahm Kontakt zu einem, von betroffenen Eltern gegründeten, Verein namens 'DAJTE NAM ŠANSU ' ('Gib uns eine Chance') auf. Dort können Eltern tageweise ihre schwerbehinderten Kinder abgeben, wenn ein wichtiger Termin ansteht oder sie eine Verschnaufpause brauchen. Beratung und Begleitung sowie Transport gehören auch zu den Aufgaben des Service Centers, das von US AID und dem bosnischen Sozialministerium getragen wird. Unser Team wurde dort warm und freudig empfangen und die Räumlichkeiten stellten sich als ideal für das Projekt dar. Auch die vor Ort verbleibenden, nicht eingesetzten Hilfsmittel wie Rollstühle, Sitzschalen, Laufhilfen, Stehgeräte sowie wertvolle Werkzeuge können nun trocken und sicher in einem großzügigen Kellerraum gesammelt und bis zum nächsten Einsatz gelagert werden. Während des 5-tägigen Aufenthalts wurden diesmal erneut über 60 Kinder und junge Erwachsene mit Hilfsmitteln versorgt. Die aus Vorjahren bekannten Kinder waren gewachsen und die schon vorhandenen Hilfsmittel wurden neu eingestellt oder gegen etwas größeres ausgetauscht. Viele Eltern wissen mittlerweile, dass sie nur einmal im Jahr diese Chance bekommen und schauen einfach mal rein, damit wir einen Blick auf das Kind und das Hilfsmittel werfen können. Denn die deutschen Hilfsmittel erleichtern den Alltag und helfen Sekundarschäden vorzubeugen. Besonders die Versorgung mit speziellen Einlagen, Orthesen und Therapieschuhen wurde in diesem Jahr von vielen in Anspruch genommen. Das Verständnis und das Bewusstsein bei den Familien hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Es werden viel häufiger Wünsche und auch kreative Ideen geäußert. Die Angst, das eigene Kind im Rollstuhl zu sehen ist geringer geworden, da nun so viele Kinder in Rollstühlen an öffentlichen Stellen und in den Schulen gesehen werden. Es war wieder eine sehr intensive Woche, voller schöner und emotionaler Momente. Ca. 80% der Familien waren dem Team schon aus Vorjahren bekannt und so gab es wieder viele freudige Wiedersehenssituationen. Seit 2009 wurden über 200 Kinder in das Projekt aufgenommen und in insgesamt knapp 400 Terminen mit fast 1000 deutschen Hilfsmitteln versorgt. Ein besonderes Highlight war in diesem Jahr die Einladung in der Morgenschau 'Sarajevsko Jutro' des lokalen Senders TVSA zu einem Fernsehinterview. Ich durfte 15 Minuten über das Projekt erzählen. Es gab, trotz Übersetzerin, ein paar sprachlich bedingte Stolperer aber alles in allem war es eine großartige Chance auf das Projekt aufmerksam zu machen. Link: ttps://www.youtube.com/watch?v=NdYbQxSvO7c

Das Projekt wird im nächsten Jahr fortgeführt. Hoffentlich werden sowohl das Lindengymnasium als auch private Spender das Projekt weiterhin unterstützen. Jedes Jahr werden zirka 3.500 Euro benötigt. Jegliche Art von finanzieller Unterstützung wird dankbar angenommen.

Info für Spenden: Nicole Babitsch, Commerzbank Gummersbach, IBAN : DE85 3844 0016 0774 5854 00

     

      

  

   

 

 

"Viele kleine Menschen

die an vielen kleinen Orten

viele kleine Dinge tun,

werden das Antlitz dieser Welt verändern!"